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Das zentrale Argument der Befürworter einer Impfpflicht auch in Deutschland sind die (angeblich nur) dadurch erreichbaren hohen Durchimpfungsraten und der erst damit zu erwartende, drastische Rückgang der betreffenden Erkrankung. Nur: stimmt das so überhaupt?

 

Impfpflicht und Durchimpfungsrate

Betrachten wir die Durchimpfungsraten für zwei von den ECDC und/oder der WHO erfassten Impfungen, nämlich der jeweils dritten Tetanus/Diphtherie/Keuchhusten-Impfung (DTP3 - z.B. in Form der in Deutschland üblichen Fünf- oder Sechsfachimpfung) und der in diesem Zusammenhang immer besonders im Fokus stehenden Masernimpfung mit ihrer ersten (MCV1) und zweiten (MCV2) Dosis und vergleichen die Durchimpfungsraten in Deutschland (erfasst im Rahmen der Einschulungsuntersuchungen) mit dem Mittelwert der acht EU-Staaten, die für beide Impfungen schon länger eine Impfpflicht verhängt haben. Frankreich und Italien bleiben bei dieser Betrachtung derzeit noch außen vor, da die entsprechende Impfpflicht erst vor kurzer Zeit verordnet wurde.

Es ergibt sich das folgende Bild:

Durchimpfung Masern und Pertussis

 

Im Détail:

Bezogen auf die DTP3-Impfung beträgt der Unterschied in den Durchimpfungsraten zwischen den Ländern mit einer Impflicht und Deutschland seit Jahren weniger als ein Prozent - in den letzten 10 Jahren betrug er nie mehr als zwei Prozent und war teilweise (2014) de facto nicht vorhanden.

Bei der MCV1, der ersten Masernimpfung, liegt die Durchimpfungsrate in Deutschland seit 2010 teilweise deutlich über dem Mittel der Länder, in denen die Masernimpfung verpflichtend vorgeschrieben ist - zuletzt zwei Prozent höher.

Dieser Umstand ist in der Diskussion von überragender Bedeutung, denn er führt das mantraartig wiederholte Lamento der Verfechter einer Impfpflicht ad absurdum, dass es an den vielgescholtenen impfkritischen Eltern und Ärzten läge, dass wir die Masern nicht, wie von der WHO so ersehnt, ausrotten könnten: 97% der Eltern in Deutschland entscheiden sich für eine Masernimpfung, und dies völlig ohne jede Zwangsmaßnahme.

(Dabei muss in Betracht gezogen werden, dass u.U. die offiziell gemeldeten Durchimpfungsraten in einigen der Länder mit Impfpflicht nur unter Vorbehalt verwendet werden dürfen: Veröffentlichungen der WHO zeigen, dass anders als in vielen anderen Ländern namentlich in Bulgarien und Lettland (auch in Rumänien) deutliche Abweichungen zwischen den gemeldeten Impfquoten und den in Studien erhobenen Antikörper-Spiegeln auffallen. Erklärlich wäre dies nur, wenn entweder diese Länder konstante Probleme mit der Impfstoffqualität hätten, oder wenn die Meldezahlen etwas optimistisch.... (Andrews 2008))

 

Die Betrachtung der MCV2 ist wesentlich komplexer, als die bloßen Zahlen und erkennbar bemühte Kampagnen wie "Deutschland sucht den Impfpass" weismachen wollen:

Unbestritten sind nach einer MCV1 im zweiten Lebensjahr etwa 95% der Geimpften jahre- (wohl sogar jahrzehnte-) lang vor einer Masernerkrankung geschützt (s. hier). Auf diesen Umstand verlassen sich fast alle europäischen Nachbarländer und empfehlen die MCV2 (teilweise deutlich!) später als die deutsche STIKO (s. hier), dient doch die MCV2 nicht der Verbesserung des durch die erste Impfung bereits entstandenen Schutzes, sondern dem nochmaligen Erfassen der "primären Impfversager" (näheres zu primären und sekundären Impfversagern bei Masern siehe hier).

Die STIKO nimmt mit dem innerhalb der EU ungewöhnlich frühen Zeitpunkt der MCV1-Empfehlung (ab dem 11., teilweise ab dem 9. Lebensmonat) bewusst in Kauf, dass dieser ausreichende Schutz durch die MCV1 erstens bei wesentlich weniger der Geimpften entsteht (etwa 80% statt bei 95% bei Erstimpfung im zweiten Lebensjahr) und vor allem, dass dieser Schutz für das gesamte Leben irreparabel schlechter bleibt, als bei einer Impfung nach dem ersten Geburtstag (s. hier).

Die augenscheinlich niedrigen MCV2-Durchimpfungsraten in Deutschland dürfen daher nicht darüber hinwegtäuschen, dass zum Zeitpunkt ihrer Erfassung (Einschulung) in vielen europäischen Nachbarländern die MCV2 noch gar nicht empfohlen gewesen wäre. Dies gilt ausdrücklich auch für einige der Länder, in denen die Masernimpfung verpflichtend vorgeschrieben ist: so ist die MCV2 terminiert in Bulgarien mit 12 Jahren, Ungarn mit 11 Jahren, in Polen und der Slowakei mit jeweils 10 Jahren. Zum Zeitpunkt der Einschulung haben die Kinder all dieser Länder regulär noch keine MCV2 erhalten....

Trotz dieser (hausgemachten) Besonderheiten beträgt auch bei der MCV2 der Unterschied zwischen den Ländern mit Masernimpfpflicht und Deutschland zuletzt weniger als ein Prozent.

Dieses mehr als ernüchternde Resumee findet sich auch in aktuellen Stellungnahmen speziell zur Situation in Europa: "... overall, there is no clear evidence from European countries that mandatory vaccination necessarily achieves high coverage." (Miller 2015).

Selbst von der EU finanzierte Studienprojekte wie ASSET kommen zu den gleichen Ergebnissen bei der Untersuchung des (fehlenden) Zusammenhangs zwischen Impfpflicht und Durchimpfungsraten: "This comparison cannot confirm any relationship between mandatory vaccination and rates of childhood immunization in the EU/EEA countries." (ASSET oJ).

Wenig überraschend kommen auch am anderen Ende der Welt Analysen der sehr restriktiven australischen Impf(pflicht-)-Politik zu exakt den gleichen Ergebnissen: "Unfortunately, evidence for benefit is lacking. There is no evidence that marginal increases in vaccination rates from vaccine-hesitant parents will prevent an outbreak of infectious disease more effectively than the existing policy of excluding unvaccinated children during outbreaks. In terms of disease control, there is no evidence that unvaccinated children of objectors are the major risk group." (Haire 2018).

 

Impfpflicht und Erkrankungshäufigkeiten

Auch hier betrachten wir vergleichend die Masernhäufigkeit in den Ländern mit einer Masern-Impfpflicht und Deutschland - gemessen mit der so genannten Inzidenz, also der Anzahl von Masernfällen pro 1.000.000 Einwohner und Jahr.

Es zeigt sich, dass es in den letzten 10 Jahren große Masernausbrüche vor allem in den Ländern mit einer Impfpflicht gab (Bulgarien 2009/2010 - Inzidenz bis knapp 3000; Tschechien 2015 - Inzidenz über 50; Slovakei 2018 - Inzidenz über 100), wogegen Deutschland selbst im am stärksten betroffen Jahr 2015 (Berliner "Epidemie") etwa 30 Masernfälle/1.000.000 Einwohner aufwies. 2018 lag die Maserninzidenz in Deutschland deutlich unter dem Mittel der Ländern, in denen die Masernimpfung gesetztlich vorgeschrieben ist.

 

Fazit

Bei genauer Analyse der offiziellen Impf- und Erkrankungszahlen zeigt sich am Beispiel der Diphtherie/Tetanus/Keuchhusten-haltigen Impfstoffen und der Masernimpfung auf der einen sowie der Masernerkrankung auf der anderen Seite, dass die von Hardliner-Seite gerne behaupteten Effekte einer Impfpflicht entweder gar nicht auftreten (MCV1), oder marginal und teilweise inkonsistent sind (DTP3, MCV2, Maserninzidenz).

 

Literatur

Andrews N. 2008. Bull WHO 86:197-204.

ASSET. oJ. Compulsory Vaccination and Rates of Coverage Immunisation in Europe. Abruf 14.02.2019

ECDC. Surveillance Atlas of Infectious Diseases. Abruf 09.02.2019

Haire B. 2018. Journal of Bioethical Inquiry. 15(2):199–209

Miller E. 2015. BMC Medicine. 13(1):267

WHO. WHO UNICEF Coverage estimates. Abruf 09.02.2019