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Wenn mit Heribert Prantl einer der klügsten Köpfe der Süddeutschen Zeitung über die Impfpflicht schreibt (SZ vom 20.07.2019), weckt das erst einmal die Neugier, gerade wenn er als Jurist sich hier auf ungewohntes Terrain wagt - und sich dort leider hoffnungslos verirrt...

Schon mit dem von ihm zu Beginn seines Artikels ausgebreiteten, historischen Schreckensszenario der Kinderlähmung läuft Prantl in mehrfacher Hinsicht in die Irre:

Die Poliomyelitis-Epidemien, die es Anfang und Mitte des vergangenen Jahrhunders auch noch in Deutschland gab, zu vergleichen mit der Situation der Masern im selben Land im 21. Jahrhundert zeugt schlicht von fehlender Sachkenntnis: Schwere, Komplikationshäufigkeit und Sterblichkeit beider Erkrankungen sind jenseits jeder Diskussion völlig unvergleichbar.

Auch die diese Einleitung abschließende, etwas lapidare Behauptung Prantls "Nur so viel zur Behauptung etlicher Impfgegner, das Impfen mache krank" ist in ihrer Unkenntnis der Fakten eines klugen Kopfes wie Prantl unwürdig: außer der Pockenimpfung hat keine andere Impfung so viele Menschen nachweislich und anerkanntermaßen krank gemacht, wie die Schluckimpfung - diese Tatsache, die den Erfolg der Schluckimpfungskampagne in keiner Weise in Frage stellt, führte letztendlich zum Ersatz dieses "Trunkes" durch die moderne, injizierte Polioimpfung.

Vor allem aber - und es wundert, dass Prantl dies in seinem Artikel zwar ausdrücklich erwähnt, dann aber nicht zu Ende denkt - ist der Erfolg der Kinderlähmungsimpfung eben genau den Maßnahmen zu verdanken, die wirkliche Fachleute z. B. des zuständigen Robert Koch Instituts (RKI) heute an Stelle der Impfpflicht fordern: flächendeckende und öffentlichkeitswirksame Aufklärungs- und Informationskampagnen, einen niederschwelligen Zugang zu Impfungen (etwa in Schulen oder Gesundheitsämtern). Die Kinderlähmung taugt daher gerade als klassische Blaupause, wie hohe Durchimpfungsraten ohne Zwang, Pflicht und Grundrechtseingriff, sondern durch bloße Überzeugung gelingen können.

Leider ist dies nicht der einzige immanente Widerspruch in Prantls Ausführungen: ausgiebig arbeitet er sich an Donald Trumps berüchtigtem tweet zum Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus ab und läuft auch hier wieder als Nicht-Naturwissenschaftler in die selbst gestellte Falle: dieser Zusammenhang ist nicht "x-fach widerlegt", es gibt - und das formuliert sogar die WHO klüger und wissenschaftlich korrekt - trotz umfangreicher Untersuchungen schlicht keinen Hinweis auf einen Zusammenhang; und das ist überhaupt nicht das Gleiche: absence of evidence ist eben nicht evidence of absence... .

Vor allem aber bedient sich Prantl durchaus Trumpscher Methodik: seine Behauptung von "Impfmüdigkeit", "steigenden Masernfällen" und "sinkenden Impfraten" sind - zumindest für Deutschland - klar postfaktisch, nein, einfacher noch: sie sind schlicht und einfach falsch. Die vom RKI veröffentlichten Impfquoten und Masernerkrankungszahlen verweisen diese Behauptungen nicht einmal in's Reich der Fabel, sondern auf den Müllhaufen wissenschaftlicher fake-news; die Forschungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zur Einstellung der Deutschen "dem Impfen" gegenüber zeigen den genau gegenteiligen Trend: der Anteil der von Prantl so oft aufgeführten Impfgegner sinkt, die Zustimmung in der deutschen Bevölkerung zu Impfungen und Impfprogrammen steigt in den letzten vielen Jahren genauso konstant, wie die Durchimpfungsraten es vermuten lassen.

Prantl - einer der wenigen Leuchttürme des deutschen Journalismus - scheitert:

Er scheitert zum einen, weil er sich zu Themen äußert, deren Komplexität er offensichtlich nicht durchdrungen hat. Kein Wort von den im europäischen Vergleich in Deutschland bei Kindern beispielhaft hohen Masern-Durchimpfungsraten; kein Wort von dem - z.B. auch vom Deutschen Ethikrat in seiner sehr profunden Analyse erkannten - Hauptproblem der schlechten Durchimpfungsraten bei Erwachsenen, die mit dem vorliegenden Gesetzesvorhaben überhaupt nicht adäquat apostrophiert werden.

Er scheitert dann aber sogar auf seinem Kerngebiet von Recht und Moral, eben weil er sich gemein macht mit den alternativen Fakten ärztlicher Berufsfunktionäre und profilorientierter Politiker. Ein Grundrechtseingriff der geplanten Tiefe und des geplanten Umfangs ist eben angesichts der aktuellen epidemiologischen Situation der Masern und der erreichten Durchimpfungsraten in Deutschland weder erforderlich, noch gerechtfertigt und schon gar nicht verhältnismäßig - ja, er ist, und darauf weisen zahlreiche Fachleute und Studien hin, nicht einmal geeignet. Unser Menschenbild räumt - so sehen es z.B. auch die Juristen des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages - zu Recht Eltern einen großen Gestaltungsspielraum bei Erziehung und Pflege ihrer Kinder ein, es setzt dem Staat hier sehr enge Grenzen eines möglichen Eingriffs; das von Prantl postulierte Recht von Kindern, ihren impfkritischen Eltern gegenüber, kennt das Menschenbild des Grundgesetzes nicht.

Es beunruhigt zutiefst, dass die impfologische filter-bubble, die seit Jahren im Wissenschaftsressort der Süddeutschen Zeitung epidemisch wütet, sich jetzt auch ausserhalb dieses Ressorts als offensichtlich hochinfektiös erweist...

 

Das spannende Nachspiel dieses Leserbriefs lesen Sie hier.