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so könnte man etwas umgangssprachlich die Ergebnisse der US-amerikanischen Impfkommission (ACIP) bezüglich des auch in Deutschland empfohlenen intranasal anzuwenden Grippe-Lebendimpfstoffs LAIV (lebend-attenuierte Influenza Vakzine) und ihre ökonomischen Folgen zusammenfassen.

Bei insgesamt nicht einheitlicher Datenlage kommt die ACIP zusammenfassend zu einer Impfstoffeffektivität/Schutzwirkung bei Kindern und Jugendlichen von etwa drei (in Worten: drei!) Prozent und empfiehlt daher ausdrücklich und fettgedruckt, diesen Impfstoff nicht mehr zu verwenden (CDC 2016). Schon in den vergangenen Jahren war die jeweils retrospektive, vergleichende Berechnung der Impfstoffeffektivität zwischen dem (geschnupften) Lebend- und den (gespritzten) Tot-Impfstoffen zu Ungunsten ersterer ausgefallen, obwohl die Impfstoffstudien im Vorfeld der Zulassung anderes hoffen ließen (at 2012). Allerdings waren die damals zu Grunde liegenden, vom arznei-telegramm zitierten Studien entweder direkt von den Impfstoff-Herstellern (mit)finanziert oder die Autoren mussten zumindest massive Interessenkonflikte einräumen. Die Entscheidung der ACIP stört die Hersteller wenig: das amerikanische Vaccines for Children Program hatte schon vorher 14 Millionen Impfdosen bestellt (2/3 des globalen Umsatzes an LAIV für 2016) - die jetzt, ganz in der Tradition der Schweinegrippeimpfstoffe, aufwändig entsorgt werden müssen (Penttinen 2016).

In Deutschland ist zwar - anders als in einigen wenigen anderen westeuropäischen Ländern (und: Sachsen!) - die Influenza-Impfung für Kinder (noch) nicht generell empfohlen, die STIKO empfahl bis zum Herbst 2016 für Kinder in definierten Risikogruppen wenn, dann jedoch ausdrücklich, den intranasalen Lebendimpfstoff zu verwenden "Bei Kindern im Alter von 2 bis einschließlich 6 Jahren sollte LAIV bevorzugt angewendet werden." (RKI 2015). Am 22.09.2016 hat die STIKO diese Bevorzugung jetzt in eine Gleichberechtigung umgewandelt: "Die STIKO empfiehlt, in der kommenden Saison 2016/2017 für die Altersgruppe von 2 – 17 Jahren entweder den nasalen Lebendimpfstoff (live attenuated influenza vaccine, LAIV) oder einen inaktivierten Impfstoff (inactivated influenza vaccine, IIV) zu verwenden.Die präferentielle Empfehlung für die Verwendung von LAIV in der Altersgruppe 2 – 6 Jahre wird für die kommende Saison ausgesetzt." (RKI 2016).

Trotz neuer Daten, die eine Impfstoffeffektivität der LAIV gegen einzelne Influenzaviren von minus 21% belegen (Groskopf 2016; d.h. die Impfung erhöht das Erkrankungsrisiko signifikant), kann sich die STIKO nicht zu einer Rücknahme der Impfempfehlung für LAIV durchringen. Das arznei-telegramm dokumentiert diese Entwicklung und fast lakonisch zusammen: "Wir raten wegen unzureichender Belege für Nutzen und Sicherheit ohnehin von der intranasalen Vakzine ab..." (a-t 2016).

Für die Hersteller sind LAIV jedoch offenbar besonders attraktiv: die Ausbeute bei der Produktion ("Impfdosen pro Ei" - der Impfstoff wird auf Hühnereinern gezüchtet) ist höher als bei traditionellen Grippe-Impfstoffen und die Produktionszyklen sind kürzer (Penttinen 2016).

Nicht uninteressant in diesem Zusammenhang könnte sein, dass die europäische Fertigung der intranasalen Grippeimpfstoffe des Herstellers GSK in Dresden stattfindet (GSK 2015) und zahlreiche STIKO-Mitglieder - auch solche der Arbeitsgruppe Influenza mit "Expertenstatus" - bis in die jüngere Vergangenheit noch Beraterverträge mit Grippe-Impfstoffherstellern wie GSK und SPMSD hatten (z.B. Prof. Dr. Fred Zepp, STIKO 2016).

 

Literatur

a-t. 2012; 43: 74-5. Abruf 05.08.2016

a-t 2016; Jg. 47, Nr. 10, S. 96.

CDC. ACIP votes down use of LAIV for 2016-2017 flu season. Media Statement 22.06.2016. Abruf 05.08.2016

Grohskopf LA. MMWR Recomm Rep 2016;65:1 – 54

GSK. Pressemitteilung vom 07.08.2015. Abruf 24.09.2016.

Penttinen PM. Euro Surveill. 2016;21(38):pii=30350. DOI: http://dx.doi.org/10.2807/1560-7917.ES.2016.21.38.30350. Abruf 26.09.2016

RKI. EpiBull 2015, Nr. 34. Abruf 05.08.2016

RKI. EpiBull 2016, Nr. 39 - Vorabveröffentlichung. Abruf 24.09.2016

STIKO. Selbstauskunft Prof. Dr. Fred Zepp. Stand 16.03.2016, Abruf 24.09.2016.