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Sie gehören zum Jahreslauf wie die zeitgleich im September in den Supermärkten auftauchenden Lebkuchen: die ubiquitär und multimedial erhobenen Zeigefinger, die zur alljährlichen Grippeimpfung mahnen. Nun zeigen neuere - und wiederentdeckte gar nicht so neue - Studien, dass es eine weitere Parallele zwischen dem weihnachtlichen Süßgebäck und der Grippeimpfung gibt: allzuviel ist ungesund. Es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass die jährliche Wiederholung der Grippeimpfung deren (ohnehin sehr schlechte) Wirksamkeit in vielen Fällen noch einmal spürbar verringert.

In den letzten Jahren wurden mehrere große Studien veröffentlicht, die nachwiesen, dass bei Menschen, die ihre Grippeimpfung den herbstlichen Hysteriekampagnen folgend jedes Jahr vornehmen ließen, in vielen Jahren eine deutliche geringere Wirksamkeit der Impfung nachweisbar ist, als bei solchen, die vorher selten oder - horribile dictu - gar noch nie gegen Grippe geimpft wurden (Saito 2018, Belongia 2017, Sullivan 2017). Dieses Phänomen betraf vor allem, aber nicht nur, den Influenza-Typ H3N2 - dieser ist besonders gefürchtet, weil er vor allem für ältere Menschen gefährlich ist: er trat erstmals 1968 in Erscheinung, wodurch davor Geborene oft keine natürlich erworbene Immunität gegen diesen Virustyp besitzen.

Für diese Hemmung der Impfstoffwirksamkeit durch (regelmäßige) vorangegangene Impfungen werden verschiedene Erklärungsansätze diskutiert: einer könnte sein, dass Grippeimpfstoffe zweier aufeinanderfolgender Jahre oft einen identischen Anteil aufweisen und nur in Teilen neu zusammengesetzt werden. Antikörper, die schon gegen diese Anteile des Vorjahresimpfstoffs gebildet wurden, könnten dann durch zu große Ähnlichkeit den aktuellen Impfstoff in seiner Wirkung beeinträchtigen ("antigenetic distance hypothesis", Smith 1999). Dass diese Hypothese schon Ende der 1990er Jahre formuliert und erforscht wurde zeigt, dass es sich um kein neu entdecktes Phänomen handelt: die erste Studie zu diesem Hemm-Effekt stammt aus dem Jahr 1976 von TW Hoskins, weshalb der Effekt auch als "Hoskins-Paradoxon" bekannt ist (Hoskins 1976). Die antigenetic distance hypothesis wäre auch eine mögliche Erklärung dafür, warum das Hoskins-Paradoxon nicht in jedem Jahr in gleichem Umfang zu beobachten ist: es hinge dann wesentlich von den Ähnlichkeitsverhältnissen der jeweiligen Grippeimpfstoffe untereinander und ihrer Ähnlichkeit wiederum zum dann verantwortlichen Grippevirus ab... eine Gleichung mit reichlich Variablen... .

Dass es gerade einmal lächerliche 40 Jahre dauert, bis das Hoskins-Paradoxon wissenschaftlich intensiv beforscht und ernst genommen wird, ist sicher reiner Zufall... schließlich bedroht es die im Impfsektor lukrativste Einnahmequelle der pharmazeutischen Industrie: die jährliche Gabe eines auch ohne das Paradoxon beispiellos schlecht wirksamen Impfstoffs gegen eine Erkrankung, die bei den allermeisten Menschen auch ohne Impfung komplikationslos abläuft... .

Den Verzicht auf die (regelmäßige) Grippeimpfung könnte man ohnehin als einen hochsozialen Akt werten, würde er doch die als ritualisierter Teil der Impfkampagne ebenfalls alljährlich beklagten Lieferengpässe beim Grippeimpfstoff (SZ 21.11.2018) wesentlich entspannen...

 

Literatur

Belongia EA. 2017.Expert Review of Vaccines, 16:7, 723-736.

Hoskins TW. 1976. Lancet.1(7951):105–108.

Saito N. 2018. Clin Infect Dis. 67:6, 897–904

Smith DJ. 1999. Proc Natl Acad Sci U S A. 96 (24):14001–14006.

Sullivan SG. 2017. Eurosurveillance. 22(43):;22(43):pii=17-00707;22(43):pii=17-00707. Abruf 21.11.2018

SZ. 2018. Grippeimpfstoff wird knapp. Abruf 22.11.2018