Prinzipiell werden bei der Kinderlähmung 2 verschiedene Impfstoffe unterschieden

  • der oral verabreichte Impfstoff (OPV, "Schluckimpfung), der abgeschwächte, aber lebende und vermehrungsfähige Polioviren enthält und

  • der per Injektion verabreichte Impfstoff (IPV), der nur abgetötete Polioviren enthält.

Beide Impfstoffe unterscheiden sich darüber hinaus grundsätzlich in der Art der hervorgerufenen Immunität: während der IPV eine Antikörperbildung im Blut des Geimpften induziert, die diesen vor der Erkrankung schützt, aber eine Aufnahme, Ausscheidung und Weiterverbreitung der Polioviren über den Darm nicht verhindert, ruft der Schluckimpfstoff zusätzlich eine Darmimmunität hervor, die durch das Verhindern der Virusausscheidung die Infektionskette wirksam unterbricht.

Da die Schluckimpfung prinzipiell jedoch schwere Nebenwirkungen bis hin zur impfstoffinduzierten Kinderlähmung (VAPP) auslösen kann, wurde sie in den meisten Ländern - so auch in Deutschland - Ende des 20. Jahrhunderts durch die IPV, die dieses Risiko nicht in sich birgt und insgesamt relativ unproblematisch verträglich ist, ersetzt.

Ein "stilles", in Ermangelung manifester Krankheitsfälle unbemerktes Zirkulieren von Polioviren in einem solchen Land ist mit dieser Strategie jedoch nicht sicher zu unterbinden und kann unter bestimmten Umständen zu neuen Krankheitsausbrüchen führen (Mangal 2013).

Ein weiteres, erst in jüngerer Vergangenheit erkanntes Problem ist bei der Schluckimpfung die "Rückverwandlung" des eigentlich abgeschwächten Impfstoffvirus in ein "neuropathogenes", d.h. das Nervensystem krank machendes Poliovirus. Dieses kann dann nicht nur im Einzelfall eine Kinderlähmung, sondern darüber hinaus auch größere Ausbrüche an Poliomyelitis auslösen. In den letzten Jahren sind so mehrere, von Impfviren ausgelöste Polioausbrüche weltweit dokumentiert (CDC 2015).

Nebenwirkungen der Schluckimpfung

  • Enzephalitis (Hirnentzündung), Meningitis (Hirnhautentzündung), Myelitis (Rückenmarksentzündung), Krampfanfälle (Friedrich 1998), Lähmungen (Nzolo 2013)

  • Krampfanfälle (1 : 8600), Epilepsien (1 : 55.000) (Ehrengut 1979)

  • VAPP: Das Risiko einer Kinderlähmung durch die Schluckimpfung selbst liegt für den Geimpften bei ca. 1 : 520.000 Erstdosen und 1 : 12,3 Millionen bei den folgenden Dosen (Nkowane 1987), bei 1 : 6.000.000 bei Haushalts- und 1 : 23.000.000 bei sonstigen Sozialkontakten (Nightingale 1977). Die z.B. in Albanien in den Jahren 1980 - 1995 aufgetretenen fast 100 Poliofälle konnten sämtlichst auf Impfviren zurückgeführt werden, bei denen die zur Abschwächung der Erreger führenden Veränderungen verloren gegangen waren („Retromutation“; Diamanti 1998).

  • Asthmaanfälle (Nzolo 2013).

Nebenwirkungen der inaktivierten, gespritzten Polioimpfung

  • Die gespritzte, inaktivierte Impfung ist bis jetzt ohne ernstere spezifische UAW.

     

Literatur

CDC. MMWR June 19, 2015 / 64(23);640-646

Diamanti E. Vaccine. 1998 May-Jun;16(9-10):940-8.

Ehrengut W. Dev Biol Stand 1979;43:165-71

Friedrich F. Acta Virol 1998 Jun;42(3):187-94

Mangal TD.  Am. J. Epidemiol. (2013) 178 (10): 1579-1587. doi: 10.1093/aje/kwt203

Nightingale EO. N Engl J Med 1977; 297:249-253August 4, 1977DOI: 10.1056/NEJM197708042970505

Nkowane BM. JAMA. 1987 Mar 13;257(10):1335-40.

Nzolo D. Pathog Glob Health. 2013 Oct;107(7):381-4.