Drucken

Spätestens seit der Forderung des Deutschen Ethikrates, als Grundbedingung für jede Form von Masern-Impfpflicht bräuchte es zunächst (wieder) einen Masern-Einzelimpfstoff, ist das Problem der fehlenden Einzelimpfstoffe wieder auf der Agenda der Impfdiskussion. Auch ein Einzelimpfstoff gegen Mumps würde viele der aktuellen Probleme mit der Erkrankung lösen.

Vorbemerkung zur Wirksamkeit der Mumpsimpfung

Anders als bei der Masern- oder Rötelnimpfung ist bei der Mumpsimpfung eine Evaluation des Impfschutzes durch eine Titerbestimmung nicht möglich (s. hier). Dies relativiert die an sich hervorragende Serokonversionsrate, die der in Europa derzeit verwendete Impfstamm (Jeryl-Lynn) im Labor erzeugt: 97 - 98% der Geimpften zeigen schon nach der ersten Impfung  messbare Antikörper-Spiegel (Weibel 1967). Ähnlich wie bei den anderen Lebendimpfungen sind die durch Impfung erreichten Antikörper-Titer niedriger als die nach durchgemachter Erkrankung; anders als bei der Masern- oder Rötelnimpfung zeigen die Impf-Antikörper aber eine relativ geringe "Avidität" also eine für die Wirkung entscheidende Bindungsfreudigkeit an die entsprechenden Viren (Kontio 2012).

Dies könnte eine der möglichen Erklärungen dafür sein, dass die klinische Schutzwirkung vor der Erkrankung bei der Mumpsimpfung in so genannten Feldstudien deutlich unter den gemessenen Serokonversionraten liegt: sie beträgt allenfalls etwa 77% nach der ersten, und 85% nach einer zweiten Impfung (Rubin 2017). Anders als z.B. bei der Masern-Impfung, bei der die zweite Impfung den individuellen Schutz nicht substantiell verbessert (s. hier), zeigt die Mumps-Impfung hier einen signifikanten Anstieg der Schutzwirkung durch die zweite Impfung - diese ist also, anders als bei der Masernimpfung - nicht nur epidemiologisch effektiv (Rubin 2017).

Die individuelle Schutzwirkung insgesamt bleibt unbefriedigend: zahlreiche Ausbrüche der letzten Jahre z.B. in den USA zeigten, dass 96 - teilweise 100% der klinisch Erkrankten ein- oder sogar zweimal geimpft ware (Rubin 2017)

Epidemiologisch zeigt die flächendeckende Mumpsimpfung allerdings durchaus Wirkung - positive, wie auch negative:

Zur Frage, inwieweit die Mumpsimpfung, wenn sie die Erkrankung schon nicht verhindert, zumindest den Verlauf abmildert und Komplikationen vorbeugt, ist die Studienlage widersprüchlich: auf der einen Seite finden sich Studien, die hier einen teils deutlich schützenden Effekt vor  Komplikationen wie Hodenentzündung, Meningitis etc. zeigen (Sane 2014, Barskey 2012), auf der anderen Seite konnte diese Schutzwirkung bei anderen größeren Mumpsausbrüchen nicht nachgewiesen werden (Hukic 2014, Dayan 2008).

Wirkdauer der Mumpsimpfung

Es besteht kein Zweifel, dass die Antikörper-Titer nach Mumpsimpfung im Laufe der Jahre absinken, teilweise auch in Bereiche, in denen keine AK mehr messbar sind - eine Abnahme um/auf 50% 10 Jahre nach der zweiten Impfung wurde wiederholt dokumentiert (LeBaron 2009, Date 2008, Rubin 2008) - das Problem dabei ist nur, dass eben diese Antikörperspiegel zu keinem Zeitpunkt einen zuverlässigen Hinweis auf eine (nicht) vorhandene Immunität liefern (s.o.).

Zahlreiche Feldstudien konnten in Mumps-Ausbrüchen aber klar nachweisen, dass das Risiko, trotz Mumpsimpfung zu erkranken, zweifelsfrei mit dem zeitlichen Abstand zur letzten erhaltenen Mumpsimpfung (sinnvoll sind maximal zwei, s. hier) ansteigt (Rubin 2017). Ursache der häufigen Ausbrüche in hochprozentig (als Kinder) zweifach geimpften Bevölkerungen und Bevölkerungsgruppen ist also ein klassisches sekundäres Impfversagen (s. hier).

Zeitpunkt der Mumpsimpfung

Wenn

stellt sich dem unvoreigenommenen Beobachter die Frage, warum in Deutschland die nach jetzigem Kenntnisstand letzte wirksame Mumpsimpfung im Leben eines Menschen bereits vor dem zweiten Geburtstag gegeben werden soll.

Die Antwort gibt das RKI selber in einer Veröffentlichung von 2013: "Der vordringliche Grund dafür, die Verabreichung der zweiten Dosis [der MMR-Impfung] vorzuverlegen, lag darin, dass Masernerkrankungen durch die bessere Erreichbarkeit von Kindern im zweiten Lebensjahr effektiver zu verhindern sind und dass primäre Impfversager frühzeitiger vor einer Maserninfektion geschützt werden können."  (Koch 2013).

 

Dadurch, dass

wird in Kauf genommen, dass die ohnehin begrenzte Effektivität der Mumpsimpfung in einem Alter quasi "verpufft", in dem sie aufgrund des zu diesem Zeitpunkt geringen Komplikationsrisikos nicht gebraucht wird und sie dann in den Altersgruppen, in denen ein Impfschutz notwendig wäre (Jugendliche/ Erwachsene) nicht mehr schützt und nicht mehr nachhaltig aufgefrischt werden kann.

Dieses aberwitzige, selbstgeschaffene Dilemma liesse sich auf zwei Arten und Weisen auflösen:

die einfachste, aber nur halbherzige Lösung wäre, die zweite MMR-Impfung (wieder) unmittelbar vor der Pubertät zu empfehlen, also zu Beginn der Periode, in der ein Schutz gegen Mumps für Jungen sinnvoll sein kann - dies handhaben übrigens zahlreiche andere europäische Länder so, die die zweite MMR z.B. Norwegen und Belgien mit 11 Jahren, Island mit 12 Jahren, ... .

 

Die einzige die oben aufgeführten Fakten wirklich berücksichtigende, nachhaltige Lösung wäre ein

Mumps-Einzelimpfstoff

der unabhängig von der ebenfalls idealerweise als Einzelimpfung verabreichten Masernimpfung gegeben werden kann.

Nur so wäre es möglich, den Mumpsschutz gezielt für die Lebensphase aufzubauen, in der dieser Schutz sinnvoll sein kann: das Jugendlichen- und Erwachsenenalter.

Nur so wäre es möglich, Kindern das weitestgehend gefahrlose Durchleben der Mumps (s.o., "selbstlimitierende, gutartige Erkrankung" lt. Deutscher Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie) und damit einen wirklich belastbaren und lebenslangen Schutz vor der Erkrankung und den im Erwachsenenalter möglichen Komplikationen zu ermöglichen. Vor der flächendeckenden Mumpsimpfung im Kindesalter hatten 90% der 14-Jährigen Mumps durchlebt (Quinlisk 2010) und damit einen verlässlichen Schutz für den Rest ihres Lebens - nach allem, was wir wissen, kann die Mumpsimpfung diesen Effekt bei weitem nicht erreichen.

Nur so wäre es möglich, die unzuverlässige Impf-Herdenimmunität bei Mumps (s. hier) zu ersetzen durch eine wieder stabile Herdenimmunität durch die Mumpserkrankung im Kindesalter ergänzt durch gezielte Impfungen bei Jungen und Männern, die im Kindesalter keine Mumps durchlebt haben.

Nur so wäre es - wenn es denn dann auch wieder den dringend notwendigen Röteln-Einzelimpfstoff wieder gäbe - Eltern von Mädchen möglich, sich auch gegen die Impfung gegen eine Erkrankung zu entscheiden, deren Hauptkomplikation (Hodenentzündung) ihre Töchter naheliegenderweise nicht betrifft. Dies ist umso bedenkenswerter, als es mehrere Studien gibt, die nachdrücklich nahelegen, dass das Durchleben der Mumpserkrankung für Mädchen das Risiko, im späteren Leben an Eierstock-Krebs zu erkranken, substantiell senkt - ein Effekt, den die Impfung definitiv nicht hat (Cramer 2010, Newhouse 1977, West 1966).

Literatur

Barskey AE. 2012. N Engl J Med. 367:1704-1713

Cramer D. 2010. Mumps and ovarian cancer: modern interpretation of an historic association. Cancer Causes Control 21; 1193–1201

Date AA. 2008. J Infect Dis. 197:1662-1668

Dayan GH. 2008. N Engl J Med. 358:1580-1589

DPGI. 2018. DGPI Handbuch. Thieme Verlag 2018. Stuttgart

Hukic M. 2014. Eurosurveill. 19.

Koch J. 2013. Bundesgesundheitsblatt. 56:1305-1312

Kontio M. 2012. J Infect Dis. 206:1542-48

LeBaron CW. 2009. J Infect Dis. 199:552-560

Newhouse M. 1977. A case control study of carcinoma of the ovary. Br J Prev Soc Med. 31; 148–153

Quinlisk MP. J Infect Dis. (2010) 202 (5): 655-656. doi: 10.1086/655395.

RKI. 2013. RKI Ratgeber Mumps. Stand 20.12.2013. Abruf 15.07.2019

Rubin SA. 2017. Mumps Vaccines in Plotkin S. Plotkin's Vaccines 7th ed. Philadelphia 2017

Rubin SA. 2008. J Infect Dis. 198:508-5015

Sane J. 2014. Emerg Infect Dis. 20:643-648

Weibel RE. 1967. N Engl J Med 276:245-25

West R. 1966. Cancer 19;1001–107