Wenn auch die STIKO in ihren Veröffentlichungen (und vor allem einzelne STIKO-Mitglieder in ihren jeweiligen, nicht selten industriefinanzierten öffentlichen Auftritten...) gerne den Eindruck erwecken, der impfologische Stein der Weisen wäre mit der jeweiligen Empfehlung gefunden und diese wäre (zumindest bis zu nächsten...) ehern in Stein gemeißelt, belehrt schon der Blick über den Tellerrand der deutschen Grenzen hinaus eines Besseren.

So ist die in Deutschland mit hohem Druck und viel Angst propagierte Impfung gegen Hepatitis B ("in JEDER Körperflüssigkeit"... "die vielen Bissverletzungen in der Krippe"... "die vielen Fixerbestecke auf dem Spielplatz"...) keinesfalls in allen vergleichbaren Ländern Westeuropas allgemein empfohlen, von den Impfungen gegen Meningokokken B und C, Windpocken oder Rotaviren ganz zu schweigen.... es gibt also beim Thema Impfen durchaus von staatlichen Behörden ernst genommene Fachkommissionen, die - in anderen Ländern als Deutschland - zu durchaus differenzierteren Ergebnissen und Empfehlungen kommen.

  • 10 von 19 westeuropäischen Impfkommissionen empfehlen die Grundimmunisierung mit 5- oder 6-fach-Impfung nur mit drei, anstatt wie die STIKO mit vier Impfdosen, was die entsprechende Impfbelastung in den ersten 2 Lebensjahren (damit aber eben auch den Umsatz der Impfstoffhersteller...) um 25% reduziert - bei nachgewiesen gleicher Schutzwirkung (Wiedermann 2009) ...

  • 4 von 19 westeuropäischen Impfkommissionen halten im Gegensatz zur STIKO einen Beginn der 5- oder 6-fach-Impfung erst im vierten Lebensmonat für früh genug.

  • 12 von 19 westeuropäischen Impfkommissionen halten im Gegensatz zur STIKO die Windpockenimpfung im Kleinkindesalter nicht für sinnvoll.

  • 9 von 19 westeuropäischen Impfkommissionen halten im Gegensatz zur STIKO die Rotavirusimpfung im Säuglingsalter nicht für sinnvoll.

  • 6 von 19 westeuropäischen Impfkommissionen halten im Gegensatz zur STIKO die Hepatitis B-Impfung im Säuglings- und Kleinkindesalter nicht für sinnvoll - Dänemark empfiehlt diese derzeit nur vorübergehend ("temporary") in einer Situation, in der HepB-freie Fünffachimpfstoffe europaweit praktisch nicht lieferbar sind (Stand Mai 2017).

  • 5 von 19 westeuropäischen Impfkommissionen halten im Gegensatz zur STIKO die Meningokokken C-Impfung  im Kleinkindesalter nicht für sinnvoll.

  • 17 von 19 westeuropäischen Impfkommissionen halten im Gegensatz zur STIKO den Beginn der MMR(V)-Impfung im zweiten Lebensjahr für ausreichend - mit dem Vorteil, dass dann bereits nach der ersten Impfung über 90% der Geimpften einen wirksamen Masern-Schutz aufweisen (vergleichen mit etwas über 70% bei einem Impfbeginn im ersten Lebensjahr wie von der STIKO empfohlen) (Uzicanin 2011).

  • 14 (!) von 19 westeuropäischen Impfkommissionen halten im Gegensatz zur STIKO die zweite MMR(V)-Impfung erst nach dem dritten Geburtstag für sinnvoll, zwei Impfkommissionen (Belgien, Norwegen) empfehlen diese sogar erst vor der Pubertät. Dies ist ein  wesentlicher Unterschied zur Position der STIKO, die - zuletzt z.B. im Rahmen der Berliner Masernepidemie von 2015 - den Eindruck zu erwecken versucht, der Erfolg der MMR(V)-Impfung bzw. -Impfstrategie hänge entscheidend von dieser zweiten Impfung zeitnah nach der ersten ab...

  • 6 von 19 westeuropäischen Impfkommissionen halten im Gegensatz zur STIKO Auffrischimpfungen für Tetanus/Diphtherie im Erwachsenenalter gar nicht mehr für notwendig, drei weitere nur alle 20 Jahre, ein Land (Spanien) erst ab dem 65. Geburtstag - die STIKO empfiehlt hier die regelmäßige Impfung alle 10 Jahre.

  • 9 von 19 westeuropäischen Impfkommissionen halten im Gegensatz zur STIKO die Keuchhustenimpfung im Erwachsenenalter nicht für sinnvoll - vier weitere empfehlen diese nur für Schwangere.

  • 6 von 19 westeuropäischen Impfkommissionen halten mittlerweile eine Impfung während der Schwangerschaft für empfehlenswert - zumindest gegen Keuchhusten, oft auch gegen Influenza (s. hierzu hier)

     

Es wird deutlich, dass es bei Impfempfehlungen - anders als bei vielen anderen medizinischen Maßnahmen - keinen internationalen Konsens gibt. Mithin kann keine Impfkommission mit ihrer Empfehlung berechtigterweise den Anspruch erheben, den Maßstab über "richtig" oder "falsch" geimpft zu proklamieren - die der STIKO-Empfehlung vom BGH zugeschriebene Qualität eines "medizinischen Standards" ist sachlich völlig unhaltbar.

Eine entsprechende Übersicht der Impfempfehlungen können Sie hier herunterladen.

 

Literatur

BGH. Urteil vom 15.02.2000. VI ZR 48/99

Uzicanin A.  J Infect Dis. (2011) 204 (suppl 1): S133-S149. doi: 10.1093/infdis/jir102 (Abruf 24.06.2015)

Wiedermann U. Monatsschr Kinderheilkd 2009. 157:743-750. DOI 10.1007/s00112-009-1974-1