Grippeimpfung - Wirksamkeit überschätzt?!

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Eine neue Studie bestätigt die Zweifel, die schon 2006 an der Wirksamkeit der Grippeschutzimpfung aufkamen - gerade auch bei älteren Menschen scheint deren Effekt bisher deutlich überschätzt worden zu sein.

Wissenschaftler der George Washington University kommen zu dem Schluss, dass die bisher behaupteten Effekt wie eine Verringerung der Todesfälle bei Personen über 70 Jahren stark überbewertet wurden (Simonsen 2007). Diese Ergebnisse bestätigen die Erkenntnisse einer  Studie, die 2006 im British Medical Journal erschien genauso wie die differenzierte Auswertung älterer großangelegter Studien: speziell bei der Zielgruppe der älteren Menschen scheint die Immunantwort auf die Schutzimpfung (und damit der Schutzeffekt) schlechter als bei jüngeren Geimpften (a-t 2008, GOVAERT 1994).Einer aktuellen amerikanischen Untersuchung (Simonson 2007) zu Folge gibt es keine ausreichenden Beweise dafür, dass die Grippeschutzimpfung älterer Menschen (eine der Hauptzielgruppe der Impfwerbung) wirklich wirksam ist.

In Deutschland gilt die Impfempfehlung neben älteren Menschen auch denen mit chronischen Grunderkrankungen wie Asthma oder Herz-Kreislauferkrankungen. In vielen Studien wurde bisher davon ausgegangen, dass alle Todesfälle, die im Winter über dem Jahresdurchschnitt liegen, mit der Grippe zusammenhängen. Simonsen argumentiert, dass die so genannte kältebedingte Übersterblichkeit im Winter in den 1980er- und 1990er-Jahren angestiegen ist. Seit 1980 stieg die Anzahl der Impfungen in Amerika von 15 auf 65 Prozent. Die Forscher zitieren eine italienische Studie, die keine Senkung der Todeszahlen nachweisen konnte. Eine Reduzierung der Todesfälle wurde nicht erzielt, obwohl die Grippedurchimpfungsrate von fünf auf 65 Prozent angehoben werden konnte (Simonsen 2007). Auch einen Schutzeffekt der Impfung vor Lungenentzündungen lässt sich in neueren Arbeiten speziell bei Älteren nicht nachweisen (Jackson 2008).

Die vom Robert-Koch-Institut in's Feld geführten Berechnungen, denen zu Folge durch die Grippeimpfung Tausende  von Toten verhindert worden seien, bezeichnen unabhängige Fachleute als "hemdsärmelig", die abgeleiteten Erfolgsquoten als "gebastelt [...] Das RKI scheut sich nicht, den Mittelwert aus Äpfeln und Birnen zu bilden und diesen als Rhabarber zu verkaufen" (a-t 2008).

Einer der Gründe für diese Überschätzung scheint der so genannte "healthy user effect" zu sein: Impfwillige scheinen in ihrer Gesamtheit signifikant gesünder zu sein, als nicht Geimpfte, was sich daraus ablesen lässt, dass ihre Erkrankungshäufigkeit auch außerhalb der Grippesaison wesentlich geringer ist (Eurich 2008).

Gerade bei der Grippeschutzimpfung wird deutlich, wie dringend großangelegte, statistisch aussagekräftige, herstellerunabhängige Untersuchungen zur Wirksamkeit erforderlich sind - diese sind so jedoch nur in Studien mit dem Einsatz von Schein-Impfstoffen (Placebos) möglich und werden daher wohl auch weiter auf sich warten lassen.

 

a-t 2008; 39: 101-2

EURICH, D.T. et al.: Am. J. Respir. Crit. Care Med. 2008; 178: 527-33

GOVAERT, T.M. et al.: JAMA 1994; 272: 1661-5

JACKSON, M.L. et al.. Lancet 2008; 372: 398-405

SIMONSEN, L.: The Lancet Infectious Diseases 2007; 7:658-666