Pünktlich wie jedes Jahr: die ersten Frühlingsboten - Krokusse im Garten, Horrorbilder ins monsterhafte vergrößerter Blutsauger in der Auslage Ihrer freundlichen Apotheke und Hiobsbotschaften aus dem Robert Koch-Institut (RKI): auch letztes Jahr FSME in noch mehr Landkreisen als ohnehin schon... . Die gemeine Zecke als zunehmend nationale, vielleicht bald sogar globale Bedrohung? Ein Faktencheck... .

Über die atemberaubende Rechenakrobatik des RKI ist in den vergangenen Jahren viel geschrieben worden, unter anderem auch hier - über deren Motivation wurde ebenso viel spekuliert, unter anderem auch vom honorigen, weil industrieunabhängigen arznei-telegramm, das schon 2007 schrieb: "Die Idee könnte aus den Marketingabteilungen der Hersteller von FSME-Impfstoffen stammen". Die Ergebnisse dieser mathematischen Salti mortale veröffentlicht das RKI auch dieses Jahr wieder im Epidemiologischen Bulletin (RKI 2020) und, weil die sprachliche Schönheit der Definition eines RKI-Risikogebietes ("Ein Kreis wird als FSME-Risikogebiet definiert, wenn die Anzahl der übermittelten FSME-Erkrankungen in mindestens einem der 14 Fünfjahreszeiträume im Zeitraum 2002 – 2019 im Kreis ODER in der Kreisregion (bestehend aus dem betreffenden Kreis plus allen angrenzenden Kreisen) signifikant (p < 0,05) höher liegt als die bei einer Inzidenz von 1 Erkrankung pro 100.000 Einwohner erwartete Fallzahl.") nur von einer unscharfen Graphik übertroffen werden kann, auch als Bild:

FSME EpiBull 8 2020

 

Wie gut, dass die WHO, seit jeher unverdächtig, ein Hort impfkritischen Gedankenguts zu sein, hier hilft: die WHO-Definition eines FSME-Risikogebietes ist hier auf für mathematische Einfachversteher (wie den Autor dieses Artikels) leicht zugänglich: "In areas where the disease is highly endemic (that is, where the average prevaccination incidence of clinical disease is ≥5 cases/100 000 population per year), implying that there is a high individual risk of infection, WHO recommends that vaccination be offered to all age groups, including children." (WHO 2011).

Die Konsequenz von WHO und RKI ist die gleiche: in Risikogebieten sollte eine allgemeine Impfempfehlung ausgesprochen werden - nur: die WHO fordert für die Definition "Risikogebiet" 25 (in Worten fünfundzwanzig) mal mehr FSME-Fälle in einer Region als das RKI.

Übertrüge man dieses WHO-Kriterium auf die Zahlen in Deutschland, ergäbe sich diese Karte, die in dunkelblau Risikogebiete mit den Zahlen von 2015 - 2019 darstellt. Da die FSME-Zahlen (bei relativ gleich bleibender Durchimpfungsrate) von Jahr zu Jahr stark schwanken, sind hier fünf Jahre berücksichtig, und der Landkreis wurde markiert, wenn er in nur einem dieser fünf Jahre mindestens 5 FSME-Fälle meldete.

 

FSME D WHO 2015-19

Zu Risiken und Nebenwirkungen dieser Karte fragen Sie besser nicht Ihren Arzt oder Apotheker: es könnte durchaus sein, dass die gewünschte alljährliche Zeckenhysterie ernsthaft Schaden nimmt...

Literatur

a-t 2007; 38: 70-1

RKI. 2020. EpiBull 8; 3-20

WHO. 2011. WER 24; 86:241–256